Unsere

Jugendhochschule »Wilhelm Pieck«

Ich hatte das große Glück, am Neuaufbau der Jugendhochschule der Freien Deutschen Jugend teilzunehmen. Mitten in der Eingangshalle zum Lehrgebäude der neuen Schule steht auf rotem Tuch in goldenen Lettern geschrieben:

 

Lernt und schafft wie nie zuvor.

Es geht um die Zukunft unseres Volkes, den Frieden und den wirtschaftlichen Aufstieg.

 

Diese richtungweisenden Worte schrieb unser Staatspräsident Wilhelm Pieck in das Gästebuch der Schule, als sie seinen verpflichtenden, in aller Welt geachteten Namen erhielt. »Ihr alle«, sagte er uns damals, »müsst dafür sorgen, dass diese Worte lebendigen und begeisternden Inhalt bekommen, denn nur mit Liebe im Herzen zur Sache der Jugend kann man ihr Vorbild und Leiter sein.« Schulungen von Kadern unserer Organisation waren im ehemaligen Sommersitz des faschistischen Propagandaministers Goebbels schon seit Herbst 1945 durchgeführt worden. In 14tägigen Lehrgängen mit 30 und 35 Teilnehmern wurden die ersten antifaschistischen Funktionäre für das damalige Land Brandenburg ausgebildet. Mit der Gründung der FDJ wurde diese Schule als zentrales Objekt des Jugendverbands übernommen. Das ständige Wachstum unserer Organisation erhöhte naturgemäß auch die Anforderungen an die Funktionäre. In den Jahren 1947 und 1948 war das Schulungssystem so erweitert worden, dass bereits 6-Wochen- und 3-Monate-Lehrgänge durchgeführt werden konnten. Und 1950 wurde eine völlig neue Barackenstadt eingeweiht, in der 300 Schüler Platz hatten. Außerdem schuf man zu gleicher Zeit Voraussetzungen für die ersten Einjahr-Lehrgänge. Ich entsinne mich noch sehr gut, dass die anreisenden Schüler in Erwartung des Lehrgangsbeginns erst tatkräftig Hand anlegten, um die Baracken bewohnbar zu machen. In demselben Jahr erfolgte die Grundsteinlegung einer völlig neuen Schule. Nach annähernd fünfjähriger Bauzeit konnte die neue Stätte der Bildung und des Wissens vom: Verband genutzt werden. Als zur Zeit des Neubaus der Genosse Wilhelm Pieck bei uns weilte, sagte er zu den dort tätigen Bauarbeitern: »Ihr baut nicht irgend etwas, sondern eine Schule für unsere Jugend wie noch nie in Deutschland, so schön und so wichtig.«

Im Gästebuch der Jugendhochschule berichten viele Seiten über die großartige Möglichkeit eines sorgenfreien Studiums. Stellvertretend für diese Meinungen möchte ich die Worte der bulgarischen Studentin Ljubka Petrowa anführen, die nach einem Besuch äußerte: »Welch eine herrliche Stätte des Wissens, der Bildung und des Kampfes für die Freie Deutsche Jugend, von der ich nicht einmal zu träumen wagte, sie zu sehen. Aber noch schöner ist das Gefühl, dass in ihr Mädchen und Jungen lernen, die wir stolz Freunde und Brüder nennen.«

Das stürmische Wachstum unserer Zentralschule war undenkbar ohne Unterstützung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und unserer Arbeiter-und-Bauern-Regierung. Abgesehen davon, dass sie alle materiellen Sorgen lösen halfen, war vor allem die ideologisch-politische Hilfe unermesslich. Hunderte Funktionäre haben die Jugendhochschule der FDJ besucht. In einjährigem Studium konnten sie sich mit den Grundfragen des Marxismus-Leninismus vertraut machen, die sie in der Praxis befähigen, hervorragende Führer der Jugend zu sein. Es gab zum Teil sehr unterschiedliche Voraussetzungen für den Schulbesuch. Jedoch auch in unserer Arbeit bewährte sich die alte pädagogische Regel: Je stärker das Kollektiv, um so größer auch die Erfolge und Fortschritte des einzelnen.

Mit jedem Lehrgang vergrößerten sich die Erfahrungen des Lehrerkollektivs. Dabei trug besonders die ständige Hilfe der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ihre Früchte, ebenso wie die Hinweise und Ratschläge des Komsomol. Der sichtbarste Ausdruck des großen Vertrauens gegenüber unserem Verband war die Tatsache, dass sogar Komsomolzen an unserer Schule studierten und Jugendliche anderer befreundeter Jugendverbände.

Ein wichtiger Grundsatz bei der Ausbildung von Jugendfunktionären war die ständige Erprobung des Gelernten in der Praxis. Dies hatte nicht nur großen volkswirtschaftlichen Nutzen, sondern war für die Festigung des erworbenen Wissens und für die Erziehung junger Menschen besonders wertvoll. Neben den Einsätzen in den FDJ-Grundeinheiten der umliegenden Ortschaften, der Arbeit im Nationalen Aufbauwerk und der Erntehilfe, wurde vierzehn Tage lang in den Schwerpunktbetrieben Berlins und den Braunkohlenkombinaten unserer Republik gearbeitet. Dabei war das wichtigste, die Achtung und Anerkennung der Werktätigen zu erwerben.

Wenn heute ehemalige Schüler zu Besuch kommen, erinnern sie sich mit Freude an ihre Arbeit auf dem Gelände der heutigen Schule. Wer denkt heute noch an das anstrengende Stubbenroden, die Bewegung riesiger Sandberge mit noch sehr primitiven Mitteln oder an die glühende Hitze beim Bau eines großen Sportplatzes. Geblieben ist die Tat jedes einzelnen und das Gefühl des Stolzes, dass nicht nur eine Schule für die Jugend, sondern auch eine Schule mit der Hilfe der Jugend erbaut wurde.

Für jeden von uns war es immer wieder ein großes Ereignis, den Besuch unseres Genossen Wilhelm Pieck mitzuerleben. Er legte mit seiner Lektion: »Der Kampf des deutschen Volkes um seine demokratische Einheit« den Grundstein für das Studium. Die Übermittlung seiner reichen Kampferfahrungen, die zwingende Logik seiner Ausführungen, sein Einfühlungsvermögen und sein persönliches Vorbild festigten das Bewusstsein aller Freunde. Nach den Lektionen führte er Gespräche mit vielen Schülern. Er besuchte die Kabinette, fragte dieses und jenes, gab Ratschläge, wie ein Buch konspektiert oder eine Lektion aufgeschrieben wird. Interessiert hörten wir ihm zu, wenn er von seinem eigenen Schulbesuch und von seiner Arbeit erzählte. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er der kulturellen und sportlichen Tätigkeit unserer Freunde. 'Er gab sich nie damit zufrieden, wenn nur wenig schöngeistige Bücher gelesen wurden oder die Normen des Sportleistungsabzeichens ungenügend erfüllt waren. Einmal wurde eine Delegation der Schule in seinen Amtssitz eingeladen. Dort mussten wir ausführlich darüber berichten, wie das Programm der Ausbildung verwirklicht wird. Auch dort hatte er es nicht an Ratschlägen und wertvollen Hinweisen für die Verbesserung unserer Arbeit fehlen lassen.

 

Große Bedeutung wurde der Erziehung zum proletarischen Internationalismus beigemessen. Neben dem Studium, den Lektionen und Vorträgen trugen dazu vor allem ausländische Freunde bei. Fast alle Delegationen, die unserem Verband einen Besuch abstatteten, waren auch Gäste unserer Schule. Verständlich, dass gerade wir erfahren wollten, wie der Kampf anderer Jugendorganisationen für Frieden und Sozialismus geführt wird. Besonders  begeistert empfingen wir die Komsomol-Delegationen.

Ein gern gesehener Gast war der frühere Botschafter der Sowjetunion in der DDR, Genosse Semjonow. Oft kam er Sonntag nachmittags in unsere Schule. Bei einem fröhlichen Picknick am See wurde so manche Stunde heiß diskutiert. Häufig forderte er uns zu einem Schwimmwettkampf oder zu einem Volleyballtreffen auf. Ich entsinne mich, wie er einmal fragte, ob wir bereit wären, einen kleinen Kulturwettstreit durchzuführen. Mit einigen Improvisationen wurde daraus ein unvergessliches Erlebnis. Nach unserem Programm mit Liedern, Tanzen und Spielen trat Genosse Semjonow mit seiner Familie zum Wettstreit an. Er spielte am Flügel Beethoven, seine Frau sprach Gedichte von Heinrich Heine, seine Tochter bot einen herrlichen spanischen Tanz, und sein Kraftfahrer sprach in einwandfreiem Deutsch das Oktoberpoem von Majakowski. Über den Wettstreit wurde wochenlang gesprochen, und gerade diese Leistungen spornten uns an, schon für den nächsten Wettbewerb ein neues Programm einzustudieren. Die kulturelle Tätigkeit erweiterte nicht nur unsere Allgemeinbildung, sondern war ein Mittel für die politische Erziehung. Ich muss immer wieder mit Bewunderung hervorheben, mit welcher Hingabe die einzelnen Seminargruppen zum Beispiel Tschechows »Bär« oder »Die Hochzeit« aufführten. Es gab Gruppen, die ein eigenes Szenarium aus Gogols »Toten Seelen« zusammenstellten. Es entstanden eine Reihe eigener Sketche, zum Beispiel mit dem Inhalt, warum man zuerst die Arbeitsproduktivität steigern muss, um dann besser leben zu können. Sie wurden auf einer Tournee von den Schülern in Großbetrieben unserer DDR erfolgreich aufgeführt. Wir schufen eigene Lieder im Kollektiv. Aus dem reichen Erfahrungsschatz der Freunde schöpfend, wurden Kulturfestivale zwischen den Gruppen und Lehrgängen organisiert. Es entstanden auch eine Reihe wertvoller Festprogramme zu bedeutenden Feiertagen, die als unmittelbare praktische Anleitung für die Tätigkeit in unserer Organisation dienten. In unzähligen Veranstaltungen traten die Schüler mit ihren Programmen vor der Bevölkerung auf.

Viele ehemalige Schüler bekleiden heute im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben wichtige Funktionen. Gerhard Klein, heute Filmregisseur, Wolfgang Uhlstein, Major unserer Luftstreitkräfte, Brunhilde Hanke, Sekretär der Bezirksleitung Potsdam der FDJ, Erika Böhm, heute Mitarbeiterin der Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt der SED, und viele viele andere besuchten die Jugendhochschule

Die Jugend zu begeistern und für neue sozialistische Taten zu gewinnen, das war die größte Bewährungsprobe, die jeder nach der Schule zu bestehen hatte. Ich habe viele Mädchen und Jungen nach dem Schulbesuch an der Stätte ihrer Arbeit gesehen. Den besten Erfolg hatten immer diejenigen, die das angeeignete Wissen nicht als einzigen unerschöpflichen Kraftquell betrachteten, sondern nach der alten chinesischen Volkswahrheit handelten:

Lernen ist wie rudern gegen den Strom,

sobald man nachlässt, treibt man zurück!

KURT BÜRGER in „Deutschlands Junge Garde – Erlebnisse aus der Geschichte der Freien Deutschen Jugend – Vom Jahre 1945 bis zur Gegenwart“, 1959, Verlag Neues Leben Berlin, Herausgegeben vom Zentralrat der Freien Deutschen Jugend, S.111 - 116

 

 

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